
Nägemiseni, ba ba ti ki di do
Sie lebt in einem Haus mit vielen anderen zusammen. Das Haus ist alt und roh, die Menschen atmen laut und manchmal leise. Essensd¸fte ziehen durch die R‰ume und Tr‰nen und lautes Gel‰chter. Sie ist nie allein, nicht w‰hrend sie kocht, sich an- oder auszieht, sich schlafen legt. Immer ist jemand, nicht selten jemand Fremder, im selben Raum. Manchmal mˆchte sie sagen, geh weg, ich will dich hier nicht neben mir haben.
Mit der Zeit lernt man sich unsichtbar zu machen. Lautlos zu gehen und ohne Laut in sich hinein zu lachen. Das Paar neben ihr liebt sich ebenso, stumm, manchmal streiten sie sich. In dieser mir so fremden Sprache, die den Weg uneben macht.
Ich sitze in einem Bus voller Leute, und kann nicht eine einzige Geschichte mit mir nehmen.
Die russische Ballerina, sie putzt und fegt, mit gelben Gummihandschuhen. Ihre Geschichte kennt niemand so genau, man erz‰hlt sie sich trotzdem: Als sie jung war, tanzte sie als Primaballerina in einem russischen Ensemble. Nach dem Wandel und als sie ‰lter wurde, verliebte sie sich in einen Ingenieur. Ihre Welke war noch nicht gekommen, doch sie verliess das Theater und heiratete. Am Tag vor der Hochzeit soll sie zum letzten Mal Kreisel durch den Saal getanzt haben, mit hoch erhobenen Armen, das Kinn trotzig dem Himmel entgegen.
Alte Frauen, in welker Haut, manchmal umgeben von Bergen ihres eigenen Kˆrpers sitzen auf steinernen B‰nken. Sie schrubben sich hinter den Ohren, unter den Br¸sten, zwischen den Zehen. Manche sind vor lauter Seife ganz weiss, ¸ber und ¸ber, Berge von Schnee, wie draussen. In der Hitze schlagen sie sich mit Weiden auf Schultern, F¸sse, Oberschenkel, der Schweiss spritzt zu den Seiten hin, manchmal bekommt man ein paar Tropfen ab. Vielleicht springt dabei auch ein ein Funken gelebten Lebens auf einen ¸ber.
Heute lachen alle unter der kalten Dusche. Die kleine russische Frau mit einem einzigen Schl¸ssel, schliesst vor sich hin redend die gr¸nen Schr‰nke auf und sch¸ttelt den Kopf, wenn man zur¸ckkommt um Vergessenes zu holen. Jeden Tag ausser einem sich immer wechselndem Wochentag, an dem sie frei hat f¸r Wohnung und Mann, steht sie am Eingang und begr¸sst seit langem.
Ueberall f‰llt Putz von der Decke, die Bˆden sind rauh und uneben. Manche Frauen st¸tzen sich gegenseitig beim gehen, die Jungen erheben sich graziˆs. Viele Frauen bekommen ihre Kinder in der Hitze, auf dem untersten Tritt, dort ist die W‰rme am ertr‰glichsten.
Der Park ist voller Menschen, kleine und grosse stapfen dick eingepackt, sie sehen aus wie K‰fer, durch den Schnee und sprechen dabei selten. Wenn jemand auf der Oberfl‰che ausgleitet lacht niemand, man hilft sich gegenseitig wieder auf die Beine. Beim Ausatmen wirft die Luft Rauch gegen den Himmel, wie der Drachen im M‰rchen. Aus irgendwelchen versteckten Musikboxen ist Obertongesang zu hˆren, er unterstreicht die Linien der Kufen die eine grosse Frau und ihr gedrungener Mann ins Eis schneiden.
In der russischen Kneipe neben dem Bahnhof essen wir dicke Krapfen, die die mit Fleisch gef¸llt sind und vor Fett triefen und trinken dazu Bier aus der Dose. Es ist noch kaum sechs Uhr, vor dem Fenster schneit der Himmel zu Boden und kann nicht mehr aufhˆren. Viele m‰chtige Russinen, keine war wohl je zierlich, gehen stolz auf und ab, mit immer frischen Waren. Man mˆchte alles probieren aber der Bauch ist voll, f¸hlt sich dick an, fast schon schmerzt es beim Lachen. Noch hat Lena auf dem Markt keinen Stalinanh‰nger gekauft. Matrosenhemden und Armbinden mit dem Kreuz kann man erstehen und grosse gr¸ne Unterhemden aus Polyester f¸r 20 Kronen.
Du lachst weil ich so frˆhlich bin, vergiss nicht wie es zu Hause aussieht, sagst du und lachst dabei kein bisschen.
.yvo.